Weltpremiere in Mengen: Hubschrauber entdecken das Air Navigation Race

Ein Novum in der Luftsportgeschichte: Erstmals haben Hubschrauberpilotinnen und -piloten die Navigationsflugdisziplin ANR ausprobiert. Am Flugplatz Mengen-Hohentengen wurde damit ein neues Kapitel des motorisierten Luftsports aufgeschlagen.

Strahlend blauer Himmel, wenig Wind und eine spürbare Portion Neugier: Besser hätten die Bedingungen am 23.05.2026 am Flugplatz Mengen-Hohentengen (EDTM) kaum sein können. Nach dem Mittagessen wurde dort im Rahmen des Flight Safety Trainings des Deutschen Hubschrauber Club e.V. (DHC) ein besonderer Versuch gestartet — und zwar einer, den es so weltweit noch nicht gegeben hatte: Hubschrauberpilotinnen und -piloten testeten erstmals, ob sich das Air Navigation Race (ANR) auch als Disziplin für Hubschrauber eignet.

Der Impuls zu diesem besonderen Zusammentreffen kam von Renate Strecker, Vorstandsmitglied und Hubschrauberreferentin der Bundeskommission Motorflug des DAeC. Sie hatte bei der letzten Deutschen Meisterschaft im ANR in Marpingen die Dynamik, Präzision und den sportlichen Charakter dieser Navigationsflugdisziplin aus nächster Nähe erlebt und war begeistert. Daraus entstand die Idee, ANR nicht nur den klassischen Navigationsfliegerinnen und -fliegern vorzubehalten, sondern die Disziplin erstmals auch aus Sicht der Hubschrauberfliegerei zu erproben.

Ein gemeinsamer Blick auf Navigation

Navigation gehört bei den Hubschrauberwettbewerben seit jeher zum Programm. Neben Disziplinen wie Fender-Rigging, Slalom oder Precision Hover steht auch das präzise Navigieren auf der Wettbewerbstagesordnung. Dabei wird derzeit mit Karten im Maßstab 1:250.000 aus dem militärischen Bereich geflogen.

Eine der wohl herausforderndsten Flugzustände für Hubschrauber: Das Hovern.
Am Flugplatz Mengen-Hohentengen waren zahlreiche Hubschrauberbewegungen zu verzeichnen.
Beim Slalom müssen die Crews einen mit Wasser gefüllten Eimer präzise durch einen Parcours manövrieren. Ziel: so wenig Wasser wie möglich verlieren.

Das Air Navigation Race bringt jedoch eine andere Dynamik mit sich: enge Korridore, klare Zeitvorgaben, präzise Streckenführung und unmittelbare Auswertung. Genau diese Mischung macht ANR für viele Flächenpilotinnen und -piloten so reizvoll und weckte nun auch bei den Hubschraubercrews sichtbares Interesse.

Zu Beginn führten Robin Shearer und Oliver Meindl (auch bekannt als NAVGEEKS) in den Navigationsflug und in die Besonderheiten des ANR ein. Einige der anwesenden Hubschrauberpilotinnen und -piloten kannten klassische Navigationsflugformate bereits, doch die Zielsetzung und der Ablauf eines Air Navigation Race waren für die meisten neu. In einer bildreichen theoretischen Einweisung wurden die Grundidee, die Streckenführung, die Wertung und die fliegerischen Anforderungen vorgestellt.

Zwei Parcours, neun Flüge und eine steile Lernkurve

Nach der Theorie wurde es praktisch: Rund um Mengen standen zwei ANR-Parcours bereit, die von interessierten Crews geflogen werden konnten. Was zunächst bei einigen noch für Zurückhaltung sorgte — schließlich unterscheidet sich der Ablauf deutlich von bekannten Hubschrauberwettbewerben — entwickelte sich rasch zu echter Begeisterung.

Gemeinsame Flugvorbereitung für den nächsten ANR-Parcours. So macht es dann doch am meisten Spaß.
Auch die Schweizer Hubschrauberpiloten waren beim FST in Mengen vertreten; genau wie beim Navigationsflugtraining.

Insgesamt neun ANR-Flüge wurden absolviert. Dabei zeigte sich schnell: Die Teilnehmenden fanden sich mit jedem Flug besser in die Besonderheiten der Disziplin ein. Die Lernkurve war ausgesprochen steil, und aus anfänglicher Skepsis wurde zunehmend sportlicher Ehrgeiz. Gerade die Kombination aus sauberer Vorbereitung, präziser Streckenführung und fliegerischer Disziplin passte erstaunlich gut zu den Fähigkeiten und Anforderungen der Hubschrauberfliegerei.

Begeisterung bei Teilnehmenden und Organisatoren

Auch Michael Schauff, erster Vorsitzender des Deutschen Hubschrauber Club e.V., zeigte sich erfreut über die positive Rückmeldung der Teilnehmenden. Besonders aus organisatorischer Sicht sieht er einen entscheidenden Vorteil: ANR kann mit vergleichsweise überschaubarem Vorbereitungsaufwand durchgeführt werden und eröffnet damit spannende Perspektiven für künftige Wettbewerbs- und Trainingsformate.

Ein Hubschrauberpilot brachte die Stimmung des Tages treffend auf den Punkt: „Das wäre ja total schön, auch künftig bei ANR-Wettbewerben der Flächenflieger teilzunehmen und gemeinsam zu fliegen.“

Genau diese Aussage macht deutlich, welches Potenzial in diesem ersten Versuch steckt. Denn die General Aviation ist insgesamt klein und gemeinsame Formate können helfen, Brücken zu bauen. Wenn Hubschrauber- und Flächenpilotinnen und -piloten miteinander trainieren, voneinander lernen und vielleicht sogar gemeinsame Wettbewerbe bestreiten, entsteht nicht nur sportlicher Mehrwert, sondern auch gegenseitiges Verständnis.

Wie bei den Navigationsfliegern: Finger auf der Karte und innerhalb des Korridors bleiben.
Auch das Einhalten der Zeit war trotz der Möglichkeit zum Hovern gar nicht so einfach. Genau das machte den Reiz aus.

Abendliche Gespräche mit Blick nach vorn

Auch nach den Flügen war das Thema noch lange nicht beendet. In den abendlichen Gesprächen zwischen teilnehmenden Crews, dem Vorstand des DHC und den NAVGEEKS wurde intensiv darüber nachgedacht, wie ANR künftig noch besser auf die spezifischen Bedürfnisse der Hubschrauberfliegerei angepasst werden könnte, ohne sich dabei zu weit vom ursprünglichen Gedanken des Air Navigation Race zu entfernen.

Dabei wurde deutlich: Es geht nicht darum, ANR neu zu erfinden. Vielmehr steht die Frage im Raum, wie eine bestehende, erfolgreiche Navigationsflugdisziplin so geöffnet werden kann, dass sie auch für Hubschrauber attraktiv, fair und sportlich anspruchsvoll bleibt.

Ein historischer Anfang

Der 23.05.2026 in EDTM war damit mehr als nur ein Trainingstag. Es war ein historischer Moment für den Luftsport: Erstmals trafen Hubschrauber und Navigationsflieger in dieser Form zusammen, um gemeinsam eine mögliche neue sportliche Perspektive auszuloten.

Was als Versuch begann, endete mit Begeisterung, vielen neuen Ideen und dem Gefühl, dass hier etwas Besonderes entstanden ist. Die ersten neun ANR-Flüge mit Hubschraubern könnten der Anfang einer Entwicklung sein, die Flächen- und Drehflügler künftig noch enger zusammenbringt.

Und vielleicht wird man in einigen Jahren auf diesen sonnigen Nachmittag in Mengen zurückblicken und sagen: Genau dort hat alles angefangen.

Text: Oliver Meindl
Fotos: NAVGEEKS

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